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64 Jahre "An der Naherfurth"

  • Gerhard Pelzer
  • 5. Sept. 2016
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Juni 2023


Nach dem Krieg hatten alle Gemeinden in der Gegend ihr Flüchtlingsproblem. Auch in Kayhude waren zu diesem Zeitpunkt viele Mitmenschen, die im Osten ihre Heimat verloren hatten, hier zwar ein Dach über dem Kopf aber ansonsten nicht viel mehr als ihre Arbeitskraft vorzuweisen hatten.

Als sich die politische Lage im Land stabilisierte, beschloss der Gemeinderat in Kayhude mit der finanziellen Hilfe des Landes, der schlechten Situation der Heimatvertriebenen eine andere Form zu geben. Einerseits wollte man die Leute wegen der Arbeitskraft hier behalten (der Krieg hatte auch unter den Einheimischen große Wunden gerissen), andererseits sollten sie aber nicht im Dorf bleiben.

Das alte Willhöft-Haus



2016

Der Gedanke, eine landwirtschaftliche Nebenerwerb-siedlung im Ortsteil Naherfurth zu erbauen, wurde ge-boren.

Damals gab es eine Handvoll Familien in Naherfurth. Es waren einige größere und kleinere Bauern und eine Gastwirtschaft.

Hier sollte die Siedlung für die Flüchtlinge entstehen. Zwölf Häuser mit Stall und ca. 1000 qm Land mussten genügen.


Das alte Martens-Haus an der B 432




Der Ort 2016

Auch ein Name wurde schon gehandelt.

Nach dem Mitinitiator, dem damaligen Bürgermeister Adolf Stuhr, lag es nahe, dem Projekt den Namen Adolf-Stuhr-Siedlung zu geben. Die neuen Anwohner aber einigten sich damals auf „An der Naherfurth“.


Am 1.Juli 1952 begannen als erste die Familie Gedowski mit den Ausschachtarbeiten an ihrem neuen Zuhause. Gefolgt von Familie Becker und Paulowitz, die auch das Wagnis eingegangen waren, für ca. 14.000 DM sich eine neue Heimat zu erarbeiten. Gerichtet wurden alle drei Häuser am gleichen Tag

Zu diesem Anlass wurde auch das erste gemeinsame Fest in der Siedlung gefeiert. Einzug war schon im Dezember des gleichen Jahres.


Helmut Willhöft beim Richtfest










Auch die Erschließung mit Strom kam so zügig voran, dass die neuen Einwohner zum Weihnachtsfest elektrisches Licht hatten (was damals nicht selbstverständlich war).














Die Siedlung im Herbst 1953


2016


So nach und nach entstand ein Haus nach dem an-deren.


Mit den Häusern kam nicht nur menschliches sondern auch unterschiedlichstes tierisches Leben in die Sied-lung. Überwiegend waren es Schweine und Hühner.

Da die Bewohner größtenteils Selbstversorger waren, blieb es nicht aus, dass die Restgrundstücksflächen so-fort dem Ackerbau zum Opfer fielen.

Die Siedlung im Frühjahr 1954



2016

Zusätzlich bekam jede Familie noch die Möglichkeit dort, wo heute die Hudekampsiedlung steht, weitere 1000 qm Land zum Beackern.

Viele Familien hatten schon kleine Kinder, als sie einzogen. Das erste Kind, das „An der Naher-furth“ geboren wurde, war am 1.01.1953 Norbert Paulowitz. Wieder ein Grund zum Feiern!

Die neuen Bewohner Naherfurths halfen sich sehr viel gegenseitig (handwerklich oder sozial), sie waren aber auch auf die Hilfe anderer angewiesen. Zum Beispiel das Schweineschlachten. Es wurde zu Hause geschlach-tet. Fast alle besaßen zu der Zeit in der Regel zwei Schweine. Diese wurden das Jahr über gemästet und zur Weihnachtszeit wurde eins davon ge-schlachtet und das andere verkauft. Vom Erlös kaufte man neue Ferkel. Das Fleisch vom geschlachteten Schwein diente der Eigenversorgung

Zu den Hausschlachtungen kam immer Bernhard Rogall. Er war Schlachter und für seine Dienste bekam er von jedem Schwein, das er schlachtete, einen Schin-ken. So war das Leben damals. Eine Hand wusch die andere.

Im Nachbarort Wakendorf gab es einen Gärtner, der die meisten Gärten mit Obstbaum- und Ligusterheckenpflanzen zu einem sehr günstigen Preis versorgte. Einige der damaligen Exemplare sind heute noch in den Gärten zu bewundern.









Die Zufahrt



Heute


Eine der wichtigsten Errungenschaften An der Naherfurth war die zentrale Wasserversorgung. Wasser gab es genug. Auch heute braucht man nur etwas tiefer graben und stößt schon auf Grundwasser. So auch im Jahre 1953. Die Siedlungsgemeinschaft beschloss, eine Wassereigenversorgung auf dem Grundstück der Fami-lie Gedowski zu errichten. Unter der fachlichen Leitung von Eduard Klatt, er war Maurer, wurde dann das Pumpwerk in einem gemauerten Häuschen unter-gebracht und durch die Gemeinschaft betreut.

Als dann der Wohlstand auch An der Naherfurth Einzug hielt, wie zum Beispiel die ersten Autos, Badezimmer oder Waschmaschinen, hatten sehr viele Einwohner Bedenken, dass der Wasserverbrauch soweit steigen würde, dass die Wasserversorgung es nicht bewältigen könnte.












Das alte Wasserwerk Dieser Baum steht heute noch hier


In wärmeren Sommern schränkten sich die Anwohner mit ihrem Wasserverbrauch etwas ein. So wurden auch Durststrecken überwunden. Die Kinder badeten im Sommer in der nahegelegenen Alster. Alsterwasser war damals schon sehr erfrischend.














Badespass an der Alsterbrücke


Heute


Aber nicht nur die heißen Sommer waren ein Problem, sondern auch die kalten Winter. Oft froren die Leitungen des Wassernetzes ein oder sogar kaputt. Viele von den älteren Bewohnern haben noch richtige harte Winter erlebt.

Auch politisch redete die Siedlung im Gemeinderat von Kayhude mit. Bei den Gemeindewahlen wurde Frau Gedowski als Kandidatin des Bundes für Heimat-vertriebene direkt durch die Stimmen der Naherfurther ins Gemeindeparlament ge-wählt. Frau Kaufmann wurde Protokollführerin.

Herr Gedowski löste seine Frau nach kurzer Zeit in ihrem Amt ab. Als politischen Erfolg konnten die Naherfurther eine neue Straßenbeleuchtung für sich verbuchen. Nachfolger von Herrn Gedowski im Gemeinderat wurde Ernst Becker.

Mit seiner Hilfe wurde die Straße das erste Mal befestigt und mit Asphalt gedeckt.

Die Energieversorgung von heute durch Gas, Öl oder Strom geregelt, wurde früher durch Torf abgedeckt. Jede Familie besaß im Kayhuder Moor eine Parzelle zum Torfstechen. Eine sehr harte körperliche Arbeit, die meist durch die Frauen erledigt wurde. Die Männer gingen tagsüber ihren Berufen nach und kümmerten sich am Wochenende um den Torfabtransport. Damals mit Pferd und Wagen.

Den ersten Fernseher in der Siedlung hatte die Familie Podewski. Da die Einwohner viel Umgang miteinander pflegten, blieb es nicht aus, dass auch gemeinsame Fernsehabende bei Familie Podewski stattfanden.











Gasstätte „Zur Naherfurth“



Heute


Aus heutiger Sicht ein Problem, damals aber nicht. Das einzige Telefon weit und breit gab es nur in der Gaststätte „Zur Naherfurth“. Hier wurde auch ab und zu ein Gläschen über den Durst getrunken. Später auch die eine oder andere Familienfeier hier veranstaltet.


Einen Laden oder einen Supermarkt gab es nie in Naherfurth. Dafür kamen fahrende Händler, wie z.B. Bäcker Mathissen, Hugo Kell Kolonialwaren, Günter Sievers oder der Fischmann.

So lebte man jahrein, jahraus. Elf Familien (Gedowski, Jordan, Hinz, Gerkens, Kaufmann, Tessmer, Otto, Podewski, Klatt, Paulowitz und Becker) machten den Anfang.

Die Jahre vergingen. Die älteren Mitbewohner verließen uns, junge kamen nach.

Die Bewohner feierten das 30-jährige Bestehen der Siedlung. Naherfurth wurde weiter erschlossen. Neue Häuser ent-standen, eine neue Wasser-Ver- und Entsorgung wurde eingerichtet. Mit dem wachsenden Wohlstand wuchsen auch die Familien mehr und mehr auseinander.

Zum 50. Jubiläum wurde im Sommer auf einem großangelegten Straßenfest noch einmal mit allen damaligen Anwohnern gefeiert.

In diesem Jahr besteht die Siedlung 64 Jahre. In einigen Häusern wohnt seit der Entstehung mittlerweile die dritte Gene-ration.


Gerhard Pelzer



 
 
 
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